Das herbere Italien: die Abruzzen Teil 1

Dolce vita! Sonnenbrillen! Abends draußen sitzen vor einem Aperitivo zwischen sandsteinfarbenen, historischen Gebäuden. Barock und Renaissance bis zum Abwinken. So lässig fühlt sich Italien an. Aber es geht auch anders.
Als ich abends endlich in Calascio, einem Bergdorf am Fuß des Gran Sasso angekommen war, wehte mich schon ein Hauch von Verbannung an. Kalt, grau, windig und keine Menschen in den engen Gassen. Aber das hatte ich mir ja selbst so ausgesucht. Neben Kunstwerken und leckerem Essen bietet Italien auch jede Menge Natur und ich wollte endlich mal die Abruzzen kennen lernen und natürlich Fotos machen. Abruzzo ist die nördlichste Region Süditaliens oder die südlichste Norditaliens, je nachdem. Ein Drittel der Region nimmt die Küste entlang der Adria ein, der Rest sind die Berge und Wälder des abruzzischen Apennins. Insgesamt ein Drittel von Abruzzo ist Naturschutzgebiet - darunter drei große Nationalparks mit Bergen, Bären und Wölfen. Das finde ich nicht nur für Italien bemerkenswert.
Da meine Zeit mal wieder begrenzt war, konnte ich nur zwei Nationalparks erkunden: den Parco nazionale Gran Sasso e Monti della Laga und den Parco nazionale d'Abruzzo, Lazio e Molise. Ich bevorzuge es, mir auf einer Reise, ein bis zwei "Stützpunkte" einzurichten, von denen ich dann zu meinen Fototouren und Wanderungen aufbreche.  Also, Stützpunkt Nr. 1 für den Gran Sasso war Calscio. Graue Häuser an einen Berghang geklebt und nachts sagen sich hier die Wildschweine und die Füchse Gute Nacht. So abweisend der Ort mir anfangs begegnete, so wohl habe ich mich dort bald gefühlt. Das lag auch mit am Ristorante La Montanara (das einzige Lokal, wo es unter Woche in Calascio noch was zu essen gab…) und B&B ACCÀ LASCIO, wo ich während meiner Expedition wohnte. Das Wetter hatte sich nach meinem windigen Einstand deutlich verbessert, aber abends draußen sitzen war nicht. Rau sind die Abruzzen.
Oberhalb von Calscio liegt eine alte Burgruine neben einer kleinen Kapelle, die Chiesa di Santa Maria della Pietà. Beide geben schon mal prima Motive ab und ich hatte von dort tolle Ausblicke in fast alle Richtungen. Überragt - um nicht zu sagen: dominiert - wird der Gran Sasso vom Corno Grande, dem mit Abstand höchsten Berg der Region (2912 m). Am Morgen wird er wunderbar angeleuchtet von der Morgensonne. Entweder im Hintergrund wie oben oder von einem Pass aus nächster Nähe.

 

 

Auf dem Gran Sasso ist es karg fast wie auf dem Mond - nur braune-grüne Hügel und Buckel, ab und zu mal ein paar Felsen oder ein Gebüsch, ein ausgetrocknetes Bachbett, sonst eigentlich nichts. Dieser Eindruck mag auch dem Herbst geschuldet sein, der inzwischen Einzug gehalten hatte. Die Linien auf den Hügeln auf dem Bild mit der Kirche, die aussehen wie Spuren einer vergangenen Kultur, sind übrigens Trockensteinmauern zum Schutz von Ziegen und Schafen.
Der südliche Zugang zum Corno Grande führt über eine gewaltige Hochebene, den campo imperatore - eine Landschaft erhabener Leere. Viele fühlen sich hier an Tibet oder an die Mongolei erinnert. Wie in der Mongolei wird überall Vieh gehalten, das mehr oder weniger frei über den campo  streift. Der einzige bemerkenswerte Anhaltspunkt in dieser Einöde ist ein kleiner Tümpel  neben der Straße, an dem die Tiere getränkt werden und in dem sich der Gipfel des Corno grande spiegelt. Wenn man die Kamera richtig positioniert, fallen die Kuhfladen und Hufspuren nicht so auf. Leider blieb mir das Glück eines farbenprächtigen Sonnenauf- oder -unterganges mit toller Reflektion versagt. Trotzdem nicht ganz schlecht geworden, wie ich finde. Anders als in Skandinavien sind die Momente, wo sich das Licht farbig entfaltet und es Alpenglühen gibt, extrem kurz - unter Umständen nur wenige Minuten. Man muss schon wissen, wo man steht und wie man das Bild komponieren will - sonst - zack - ist das gute Licht weg. Ich hatte dann auch noch die Freude, dass mir ein blöder Hochzeitsfotograf samt Brautpaar ins Bild latschte  oder ein Wildcamper mit seiner Taschenlampe rumfuchtelte. Für die Landschaftsfotografie kann es nicht einsam genug sein…
Der zweite Teil meiner Reise führte mich von den Bergen in den Wald, in den Nationalpark d'Abruzzo, Lazio e Molise weiter südlich.
Davon zu einem späteren Zeitpunkt mehr!

 

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